Kennzeichen sogenannter zweiter Gottesdienste

(Zusammengestellt von Pfr. Joachim Stricker, Knittlingen, früher beim Amt für missionarische Dienste, Stuttgart. Joachim Stricker war einer der ersten, der im deutschsprachigen Raum Zweitgottesdienste durchführte (seit 1993). Er ist hinsichtlich der Beratung in puncto Zweitgottesdienste nach wie vor einer der gefragten Experten innerhalb und auch außerhalb Württembergs.)

Verantwortlich ist das Team:

Die Gottesdienste werden in aller Regel von einem Team vorbereitet und durchgeführt. Die Teams haben eine Größe zwischen 7 und 70 Leuten, je nach Größe werden auch Unterteams zu den Themen: Musik, Kreativteil, Dekoration, Werbung, Gebet gebildet. Die Gesamtteams treffen sich ein- bis zweimal pro Monat, die weitere Vorbereitung findet in den Unterteams statt.
Es ist hilfreich, ein Kernteam von 2-3 Leuten zu bilden. Bei ihnen laufen dann die wesentlichen Informationen zusammen.
Das Kernteam ist für eine effektive Arbeit verantwortlich.
Nach der ersten Zielfindungsphase (s.u. „Bewusste Planung“) ist es wichtig, die Teamsitzungen auf ein tragbares Maß zu reduzieren und sich bei den Besprechungen nicht an Kleinigkeiten festzubeißen, sonst führt die Vorbereitung schnell zu Frustrationen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (MA) steigen aus.
Um effektiv arbeiten zu können, müssen Zuständigkeiten und Kompetenzen klar geregelt sein. Echte Teamarbeit heißt: Teilaufgaben werden selbstverantwortlich erledigt!
Ein großes Team will und muss gepflegt werden, dazu ist auch Nähe wichtig: Manche Teams geben bewusst Raum, auch über persönliche Dinge der einzelnen MA zu reden. Danach ist eine konzentrierte Arbeit an der Sache wichtig.

Die Einbindung der Ortspfarrerin/ des Ortspfarrers ist sehr unterschiedlich. Es gibt Gemeinden, in denen die Ortspfarrerin/ der Ortspfarrer regelmäßig in diesem Gottesdienst predigt, bei anderen Gemeinden ist sie/ er im Vorbereitungsteam mit dabei, oft ist sie/ er aber nur die Begleiterin/ der Begleiter von außen, die/ der hin und wieder beim Vorbereiten oder im GD dabei ist. Als Predigerin/ Prediger sind oft Gastreferenten/ Gastreferentinnen eingeladen.
Ganz gleich, wie stark die Einbindung ist, die Hauptverantwortung liegt beim Team und nicht bei der Pfarrerin/ beim Pfarrer.
Hier ist wohl der stärkste Unterschied zu traditionellen Gottesdiensten mit Beteiligung verschiedener Gruppen aus der Gemeinde. Während traditionell die Pfarrerin/ der Pfarrer immer noch die Verantwortung trägt, darauf achtet, wer wann an welcher Stelle im GD drankommt, den Ablauf schreibt usw., verliert sie/ er diese Rolle in den Zweitgottesdiensten.
Wer als Pfarrerin/ Pfarrer nicht bereit ist, wirklich zu delegieren, auch mit dem Risiko, dass etwas „schief“ läuft, der sollte bei diesem Modell nicht mitmachen. Es gibt für Teams fast nichts frustrierenderes als eine Oberzensorin/ einen Oberzensor, bei der/ dem nochmals alles vor Durchführung des Gottesdienstes abgegeben werden muss. Wer gar auf die Idee kommt, seinen Teamleuten noch vorzuschreiben, was sie zu sagen haben, hat nichts vom Wesen dieses Gottesdienstes verstanden. Zum Vorlesen vorgefertigter Vorlagen lässt sich die mittlere Generation auf Dauer nicht mehr gewinnen. Diese Menschen wollen selbst mitgestalten.
Die gemeinsame Verantwortung des Teams wird auch in der Feed-back-Runde noch einmal sichtbar: Hier stellt sich jedes Teammitglied der Kritik der anderen und jedes Teammitglied hat gleiche Autorität, Kritik zu üben oder Anfragen zu stellen.
Ich persönlich empfand es sehr entlastend, als Pfarrer mit anderen gemeinsam einen Gottesdienst zu gestalten. In den Predigten konnte ich dort anknüpfen, wo wir miteinander in der Gemeinde standen.
Sehr wichtig ist das Team auch im Blick auf die Werbung: Begeisterte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können überzeugend für „ihren“ Gottesdienst einladen.
Für die Kirchendistanzierten ist es oft überraschend zu sehen, daß z. B. die Mutter, die sie vom Kindergarten oder von der Schule her kennen, plötzlich im Gottesdienst vorne steht und aktiv mitmacht. Kirche ist dann nicht mehr nur „Amtskirche“, sondern besteht aus lebendigen Gliedern. Viele Menschen sind dadurch, dass Sie die Mitwirkenden persönlich kennen, motiviert, zu kommen.

Berechenbare Andersartigkeit:

In vielen Gemeinden werden bereits seit Jahren Gottesdienste in ganz verschiedenen Formen mit vielfältigen Elementen gefeiert, vom Familiengottesdienst über Gottesdienste, die in besonderer Weise um den Frieden bitten, bis hin zu Festgottesdiensten bei Jubiläen und anderen Anlässen. Oft sind dabei auch Gemeindeglieder bei der Gestaltung der Gottesdienste beteiligt.
Was ist also das Besondere an den „anderen“ Gottesdiensten?
Es geht bei diesen Modellen nicht darum, den Hauptgottesdienst durch sehr verschiedene Gestaltungsvarianten zu bereichern, sondern darum, eine Gestaltungsvariante in einer Regelmäßigkeit anzubieten. Es soll nicht immer wieder etwas anderes angeboten werden, sondern das Andere immer wieder. Wiedererkennbarkeit in Stil und Atmosphäre sind wichtig, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu vermitteln: Hier können wir unsere Freunde und Nachbarn einladen. Wenn jeder „andere“ Gottesdienst eine andere Zielgruppe anspricht, können sich Menschen mit diesen anderen Gottesdiensten nur schwer identifizieren.

Bewusste Planung:
Ohne eine bewusste und detaillierte Planung sind die MA in einem Vorbereitungsteam schnell enttäuscht und der Gottesdienst gewinnt keine Ausstrahlung. (Spr. 21, 5)
Um bewusst planen zu können, müssen Ziele vereinbart werden, jede und jeder im Kernteam muss mit den Zielen einig sein.
Diese Aufgabe muss gründlich angegangen werden, denn nach meiner Beobachtung besteht eine Gefahr darin, Ziele aus einer richtigen Einsicht zu formulieren, obwohl das „Herz“ ganz andere Bedürfnisse hat. So wollen manche Teams nach ihrer Zieldefinition einen Gottesdienst für Suchende anbieten, aber mit dem Herzen feiern sie dann einen Gottesdienst, in dem sie sich vor allem selbst wohlfühlen.
Sicher gelingt es vielen Teams, so Gottesdienst zu feiern, dass sie sich selbst wohlfühlen, und gleichzeitig Menschen, die auf der Suche sind, einzuladen.
Natürlich können sich MA nur mit einem GD identifizieren, in den sie auch gerne gehen, doch je länger ein Gottesdienst sich an einem Ort etabliert hat, desto mehr müssen die Teams aufpassen, dass sie in ihren Gesten und Formulierungen nicht doch nur für die „Insider da sind.

Wenn keine gemeinsame Zielvereinbarung getroffen wurde kann es im Vollzug der Vorbereitung für konkrete Gottesdienste leichter zu Reibereien und Missverständnissen kommen.
Diese Konflikte hängen manchmal auch mit einer undefinierten inhaltlichen Ausrichtung der Gottesdienste zusammen.
Teams müssen auch in inhaltlicher Fragen eine Entscheidung fällen

  1. Soll mit dem Gottesdienst kirchliche Mentalität gestärkt werden?

  2. Sollen Menschen zu einer Beziehung zu Jesus Christus eingeladen werden.

Vielleicht sehen manche Gottesdienst – Teams diese Alternative nicht so scharf und am Ende muss jedes Team selbst verantworten, was es tut und was es nicht tut.
Nach meiner Beobachtung liegt aber gerade hier ein ganz wichtiger Punkt, wie ein Gottesdienst nach außen wirkt:
Wenn ein Team kein Ziel mit den Menschen hat, die zu dem GD kommen, wird es schnell langweilig.
Das Evangelium lädt ein – in einer großen Freiheit, ohne Druck, ohne Tricks, aber deshalb noch lange nicht distanziert, als hätten wir mit der Sache nichts zu tun.
Anteilnehmen an der Leidenschaft Gottes für diese Welt lässt sich nicht mit einer kühlen Distanziertheit.
Ein Reise nach Ägypten wird viel interessanter, wenn ich einen Reiseleiter bekomme, der selbst begeistert ist von dem, was er mir zeigen will.
Der GD soll Sehnsucht nach Gott wecken.
Menschen sollen angerührt werden vom Heiligen Geist.
Sie wollen die Transzendenz Gottes erleben – dieser Moment verändert sie und deshalb kommen sie wieder.
Teams, die nicht brennen für ihre Sache, werden auch Teilnehmende am Gottesdienst nicht für die Sache des Evangeliums gewinnen können. Dagegen wirken begeisterte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einladend!
Nach meiner Überzeugung verfehlen diese Gottesdienste ihren Sinn, wenn sie nur dazu „installiert“ werden, die Krise der Kirche zu überwinden. „Mission geschieht nicht um der Kirche willen. Die Kirche ist hineingenommen in die Mission Gottes. Wir haben den Auftrag, Menschen die Augen zu öffnen für die Wahrheit und die Schönheit der christlichen Botschaft.“ (EKD-Synode: Kundgebung zum Schwerpunktthema "Reden von Gott in der Welt - Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend" November 1999)

Qualität:
Wer beginnt, Gottesdienste in dieser Form zu feiern, muss wissen, dass es nicht ohne Mühe geht. Die Menschen die wir gewinnen wollen, sollen spüren, dass sie uns etwas wert sind. Ohne Aufwand, ohne Mühe, ohne Üben geht es nicht!
Es geht nicht darum, eine Sache perfekt durchzuziehen, aber darum, das Beste aus den Möglichkeiten, die man hat, zu machen.
Auf Ton und Licht sollte geachtet werden, wenn mit Folien gesungen wird, sollten sie gut lesbar sein und so verschoben werden, dass auch die Besucher in der siebten Stuhlreihe noch gut sehen. Fehler passieren, aber sie sollten nicht deshalb passieren, weil man nicht gut vorbereitet ist.
Macht das Beste aus dem, was ihr habt!



Echtheit:
Alles Mühen um Qualität wäre umsonst, wenn wir bei der Feier der Gottesdienste nicht mehr echt wären. Menschen unterscheiden, ob wir echt sind, ob wir die Wahrheit, die wir verkündigen, leben, ob wir zu unseren Grenzen, Schwächen und Fehlern stehen. Das Leben ist oft schwierig und im Gottesdienst sollten wir nicht so tun, als gäbe es diese Schwierigkeiten nicht.

Rhythmus: Die Gottesdienste finden nicht wöchentlich, sondern in einem vier- bis sechswöchigen Rhythmus statt. Zwei Gründe sprechen dafür:

  1. Der Lebensrhythmus moderner Menschen entspricht nicht mehr nur dem Wochenrhythmus. Ferien, freie Tage usw. spielen eine wichtige Rolle. Für manche Menschen wäre es eine Überforderung, wenn sie sich auf eine wöchentlich stattfindende Veranstaltung einlassen müssten. Wenn ein Gottesdienst jedoch nur jede vierte Woche stattfindet, fällt es innerlich leichter, sich darauf einzulassen.
    Es sollte jedoch darauf geachtet werden, diese Gottesdienste nicht zu selten anzubieten: Wo eine Gottesdienstform nur 4 mal im Jahr angeboten wird, können die Besucherinnen und Besucher keine Heimat finden.

  2. Zeit und Kraft der Vorbereitungsteams sind beschränkt. Würde der Gottesdienst wöchentlich stattfinden, könnte das schnell zur Überforderung der Verantwortlichen führen. Manche Gottesdienstteilnehmende äußern jedoch den Wunsch, öfter in dieser Form Gottesdienst feiern zu können.
    Besondere Werbung: Die Zielgruppe und der Rhythmus der Veranstaltungen erfordern eine besondere Werbung für jeden einzelnen Gottesdienst. Plakate auch außerhalb der kirchlichen Schaukästen, Handzettel, Visitenkarten dienen als Werbeträger. Oft wird auch das Thema, das im Gottesdienst im Mittelpunkt steht, auf den Plakaten oder Handzetteln abgedruckt. Die Teams versprechen sich davon eine effektivere Einladung.

Zwei Dinge sollten beachtet werden:

  1. Wenn man Themen auf Werbeträgern abdruckt, benötigt man eine relativ lange Vorlaufzeit und kann z. B. bei Referenten/innenausfall schwer reagieren. Es erweist sich als schwierig, immer wieder pfiffige Themenformulierungen zu finden.

  2. Es ist wichtig, dass in einem Gottesdienst ein roter Faden sichtbar wird, und er einen inhaltlichen Schwerpunkt hat. Deshalb sollte jeder Gottesdienst unter einem Thema stehen, ganz gleich, ob dieses nun auf das Plakat gedruckt wird oder nicht.
    Trotzdem darf man nicht aus den Augen verlieren, dass Gottesdienst keine Informationsveranstaltung zu einem bestimmten Thema, sondern zuerst Anbetung – Begegnung mit Gott ist.
    Öffentliche Werbung und persönliche Einladung müssen sich ergänzen! Öffentliche Werbung signalisiert: Dieser Gottesdienst ist ein vollwertiger Gottesdienst der Kirchengemeinde, keine Sonderveranstaltung, er „gehört“ keinem „Spezialgrüppchen“.
    Wenn die persönliche Einladung an die öffentliche Werbung anknüpfen kann, fällt es leichter einzuladen.

Uhrzeit: Wenige dieser Gottesdienste finden am Samstag abend, andere am Sonntag Vormittag nach dem Hauptgottesdienst, die meisten am Sonntag abend statt.
Auf den ersten Blick sprechen viele Gründe für den Sonntag am späten Nachmittag:
Die Menschen haben Zeit anzukommen, der GD kann auch etwas länger dauern als eine Stunde, im Anschluss lässt sich noch Getränk und Gebäck anbieten usw.
Wenn dieser GD in einem 4-wöchigen Rhythmus über Jahre hinweg gefeiert wird, muss jedoch bedacht werden, dass für die verantwortliche MA jeder 4. Sonntag für andere Aktivitäten blockiert ist.
Spätestens zwischen 15 und 16 Uhr treffen sich die Teams im Gemeindehaus, und es wird oft 19 Uhr oder später, bis die MA nach Hause kommen.
Aus Sicht der Belastung der MA spricht manches für eine Gottesdienstzeit am Vormittag nach dem Hauptgottesdienst (11 Uhr oder 11:15). Die Zeit ist zwar knapp bemessen, da der GD nicht weit über 12:00 Uhr hinausgehen sollte, doch kommen die MA spätestens um 13:00 Uhr nach Hause und haben den Nachmittag zur freien Gestaltung.
Wenn der GD Sonntag Nachmittag/Abend stattfindet, muß ein eigenes Kinderprogramm angeboten werden, um 11 Uhr lässt sich evtl. die Kinderkirche mit einbinden.
Die ideale Lösung gibt es nicht, doch sollte mit bedacht werden: „Was ist nicht nur kurzfristig, sondern auf Dauer sinnvoll und von den Belastungen tragbar?“

Musik:

Da Musik sehr viel mit Lebensgefühlen zu tun hat, spiegelt sich gerade in diesem Bereich die Zielgruppe deutlich wider. Die Musik wird von einem Team verantwortet und gestaltet, häufig spielt eine kleine Band. Die Texte und Melodien werden mit einem Tageslicht- oder Datenprojektor (mit Laptop) an die (Lein)Wand geworfen.
Das Musikteam muss eng mit der Moderatorin und dem Kernteam zusammenarbeiten, damit die Lieder inhaltlich zum Thema des Gottesdienstes passen. Manche Teams wählen immer wieder einen Choral, um die Teilnehmenden auch an dieses Liedgut heranzuführen.

Moderation ergänzt Liturgie:
Die Gottesdienstteilnehmende werden abgeholt und durch den Gottesdienst begleitet. Sie sollen sich wohl fühlen und ankommen. Dabei ist es wichtig, dass sie keine Angst davor haben, dass irgend etwas geschieht, das sie nicht einordnen können. Die Moderatorin/ der Moderator holt ab, setzt Akzente und verwebt die verschiedenen Elemente des Gottesdienstes zu einem Ganzen. Sie/ er hält den roten Faden in der Hand und macht ihn für die Teilnehmenden trans-parent.
Gäste werden begrüßt, für Kinder gibt es manchmal eine Überraschung,
Oft werden liturgische Teile des württembergischen Gottesdienstes aufgenommen (im Eingangsteil sowohl Lieder als auch ein Eingangsgebet, dann eine Predigt und im Schlußteil meist ein Fürbittengebet mit Vaterunser).
Die Moderation lässt sich nicht aus dem Ärmel schütteln, sondern muss gut durchdacht sein!

Anderer Raum: Viele der Gottesdienste werden im Gemeindehaus und nicht in der Kirche gefeiert. Das erleichtert die Kinderarbeit und schafft eine Atmosphäre der Nähe: „Wenn man seine Jacke an der Garderobe aufhängt ist man richtig da.“

Kreativteil: Vor der Predigt sollen die Teilnehmenden mit Hilfe eines kreativen Elements mit dem Thema des Gottesdienstes vertraut gemacht werden. – Unterschiedlichste Ideen finden Eingang in die Gottesdienste: Anspiel, Gespräch mit den Teilnehmenden, Bildbetrachtung, Gedichtlesung, Meditation, Pantomime, Theaterstücke... .

Thema statt Perikope: Die Gottesdienste sind geprägt von einem Thema. Es wird versucht, die einzelnen Elemente zu diesem Thema hin zu gestalten. Das Ziel ist, Lebensthemen und Schlüsselthemen des Glaubens miteinander zu verbinden. In der Predigt steht das Thema im Mittelpunkt, manchmal führt sie zu einem Bibeltext hin. Die Erfahrung zeigt, dass heute Menschen durchaus bereit und gewillt sind, einer 20-minütigen Predigt zu folgen, wenn diese Predigt etwas mit ihrer Lebenswelt zu tun hat.
Themen der Gottesdienste sind z. B. „Wo bitte geht’s zum Paradies?“ – „Wenn guten Menschen Böses widerfährt“ – „Nobody is perfect!“ – „Wertvoll – auch ich?“- „Auf der Suche nach Glück“ – „Herr gib mir Geduld, aber plötzlich!“ – „Gott mein Vater – Gottes Liebe. Wie ist Gott wirklich?“ – „Allein unter vielen – auch bei Christen?

Zielgruppe ist die mittlere Generation der 25-45-jährigen. Die Gottesdienste sind familienfreundlich, aber es sind keine Familiengottesdienste. Die Kinder sind im Eingangsteil mit dabei, bekommen dann aber ihr eigenes Programm. Geworben wird nicht mit dem Etikett „Familiengottesdienst“. Dieses Etikett würde Singles und Ehepaare ohne Kinder ausschließen.
Die Predigt zielt auf die Lebenswelt Erwachsener. Es ist positiv überraschend, wie stark sich diese Zielgruppe zu diesen Gottesdiensten einladen läßt. Natürlich kommen auch traditionelle Kirchgänger, die sich eine etwas andere Form wünschen, aber in vielen Gemeinden konnten Menschen zum regelmäßigeren Gottesdienstbesuch gewonnen werden, die sonst eine eher distanzierte Haltung zur Kirche haben.

Kinder bekommen ein auf sie zugeschnittenes Programm: Dazu sind begabte MA wichtig, denn Kinder wollen nicht nur aufbewahrt sein, sondern ein eigenes Programm haben.

Die Atmosphäre wirkt „lockerer“. Wer Nähe sucht, findet sie, wer aber anonym bleiben will, kann wieder gehen, ohne bedrängt zu werden. Durch die vielen aktiv Beteiligten am Gottesdienst entsteht Bewegung. Da diese Gottesdienstform noch kaum eingeschliffene Verhaltensmuster enthält, gibt es keine Angst etwas „falsch“ zu machen. Da alle „gleich neu“ sind, weicht die Angst aufzufallen, wenn jemand nach Jahren wieder zu einem Gottesdienst kommt.

Oft wird im Anschluß an den Gottesdienst noch Getränk und Gebäck angeboten, Begegnungen finden statt, Gemeinde kann als Gemeinschaft erlebt werden.



Die Verhältnisbestimmung zum traditionellen Hauptgottesdienst spielt in vielen Gemeinden eine wichtige Rolle.
Eine Erfahrung, die immer wieder gemacht wird: Veränderungen im traditionellen Gottesdienst führen zu Frustrationen auf beiden Seiten: Diejenigen, denen der traditionelle Gottesdienst über 30 oder 40 Jahre ans Herz gewachsen ist, empfinden: „Das ist nicht mehr mein Gottesdienst“, die anderen, die den Gottesdienst anders feiern wollen sagen: „Das ist es nicht, was wir wollen“.
Wichtig ist zu erkennen: Es geht bei der Diskussion um andere Gottesdienste nicht um „besser“ oder „schlechter“ (der traditionelle Gottesdienst ist oft von hoher liturgischer, homiletischer und kirchenmusikalischer Qualität), sondern es geht nur um die Frage, welcher Gottesdienst für welche Zielgruppe besser geeignet ist.
So ist auf der einen Seite nicht einzusehen, warum man Menschen, die den traditionellen Gottesdienst liebgewonnen haben, diesen „wegnehmen“ soll, auf der anderen Seite ist es wichtig zu überlegen, welche Formen notwendig sind, um kirchendistanzierte Menschen zu ermutigen, den Gottesdienst zu besuchen.
Es gibt Gemeinden, in denen schon längere Zeit Gottesdienste in unterschiedlichen Formen nebeneinander gefeiert werden. Auch viele Besucher des „traditionellen“ Gottesdienstes begrüßen das weitere Angebot, weil Sie entdeckt haben:

  1. Unsere eigenen Kinder und Enkel gehen wieder zum Gottesdienst.

  2. Kirche geht weiter, wir sind eine Gemeinschaft über die Generationen hinweg.

  3. Wir dürfen unseren Gottesdienst weiter feiern in der Form und Qualität, wie wir es gewohnt sind.

Ein Teil der Gottesdienstteilnehmenden des zweiten Gottesdienstes besuchen regelmäßig den Hauptgottesdienst, sie sind die Bindeglieder zur traditionellen Gemeinde.
Ihr Joachim Stricker

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